Werte Frau Ministerin,
zunächst möchte ich Ihnen herzlich zu Ihrem neuen Amt gratulieren. Mit Ihrer Ernennung tragen Sie auch den Stolz von mehr als 60 Millionen Kurdinnen und Kurden. Einer von ihnen bin ich.
Ich schreibe Ihnen nicht nur als Kurde, sondern auch als Zeitzeuge. Im Jahr 1991 kam ich als junger Assistenzarzt der Anästhesie in die Region Batufa in Kurdistan. Es war eine Zeit großer Dunkelheit. Millionen Menschen waren auf der Flucht, Familien hatten alles verloren, Dörfer waren zerstört und Städte lagen in Schutt und Asche.
Die irakische Kriegsmaschinerie hatte mehr als 5000 Dörfer und 12 Städte zerstört. Gleichzeitig wurden auch Tausende kurdische Dörfer durch die türkische Armee zerstört. Für viele Menschen bedeutete das nicht nur den Verlust ihrer Häuser, sondern auch den Verlust ihrer Sicherheit und ihrer Zukunft.
Meine Aufgabe war es, den zurückkehrenden Flüchtlingen erste medizinische Hilfe zu leisten. In dieser Zeit begegnete ich auch den niederländischen Soldaten, die in Batufa stationiert waren. Ich erinnere mich bis heute an ihre Menschlichkeit. Sie waren freundlich, respektvoll, professionell und immer bereit zu helfen.
Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie niederländische Soldaten Mehlsäcke auf ihren Schultern trugen, um sie zu den Flüchtlingen zu bringen. In einer Zeit voller Angst und Zerstörung waren solche Gesten kleine Lichter der Hoffnung.
Als der Zeitpunkt kam, an dem die Soldaten wieder in ihre Heimat zurückkehren mussten, war die Trauer unter den Menschen groß. Die Einwohner von Batufa demonstrierten sogar für den Verbleib des niederländischen Bataillons. Sie schrieben einen Brief, in dem sie sich bei den Soldaten für ihren Einsatz bedankten und darum baten, dass sie bleiben mögen.
Dieser Brief gelangte später in meine Hände, und ich habe ihn dem Kriegsmuseum in Den Haag übergeben, damit diese Geschichte nicht vergessen wird. Leider habe ich damals keine Kopie gemacht und mir auch keine Bestätigung für die Übergabe geben lassen. Doch die Erinnerung daran lebt bis heute weiter.
Frau Ministerin,
Kurdistan hat mir eine einfache, aber sehr starke Lektion fürs Leben gegeben: Niemals aufgeben.
Manchmal besteht Geschichte nicht nur aus großen politischen Entscheidungen, sondern aus kleinen menschlichen Gesten. Ich habe gesehen, wie Soldaten Mehlsäcke für Flüchtlinge trugen und damit Hoffnung brachten. Diese Bilder haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.
Kurdistan hat mich gelehrt, dass ein Volk alles verlieren kann – seine Häuser, seine Dörfer und seine Städte. Aber solange Menschen ihre Würde, ihre Hoffnung und ihren Mut bewahren, kann niemand ihre Zukunft zerstören.
Darum bleibt für mich eine Wahrheit bestehen:
Ein Volk, das nicht aufgibt, kann niemals besiegt werden.
Danke Dersim.
Danke Afrin.
P.S.: Das Foto stammt aus dem Jahr 1991 in Batufa, Kurdistan.
Die sitzende Person auf dem Bild bin ich – damals ein junger Assistenzarzt, der versuchte, in einer Zeit des Krieges wenigstens ein wenig medizinische Hilfe und Hoffnung zu geben.
Noch einmal: Danke an die Soldaten der Niederlande. Danke Dilan. Und danke allen Menschen, die uns in dieser schweren Zeit geholfen haben.
